Francas Erfahrung – Episode 7: Wann muss ich mich endlich nicht mehr rechtfertigen?

Franca, 42, Ärztin für Lungenheilkunde, Mutter von zwei kleinen Buben und Teilnehmerin bei haelsi weight, erzählt hier weiter ehrlich und ungefiltert über ihren Weg mit der Abnehmspritze.
“Du musst halt konsequenter sein.”

Diesen Satz habe ich oft gehört. Und ich habe ihn ehrlich gesagt irgendwann selbst geglaubt. Ich bin Ärztin. Ich bin Mutter von zwei kleinen Buben. Und ich kämpfe seit der Pubertät mit meinem Gewicht.
Früher dachte ich tatsächlich, mir fehlt einfach die Disziplin. Heute weiß ich: Mir fehlt GLP-1. Ich war konsequent. Konsequent hungrig.
Iss halt weniger
Adipositas ist wahrscheinlich die letzte gesellschaftlich akzeptierte Form der Diskriminierung. Kaum jemand würde einem Menschen mit Asthma sagen: “Reiß dich einfach zusammen. Atme halt besser.” Oder einem Menschen mit hohem Blutdruck: „Reg dich weniger auf!“
Bei Adipositas heißt es dagegen: “Iss halt weniger. Nasch nicht. Mach mehr Sport.”
Als wäre das Problem damit erklärt. Das ist ungefähr so hilfreich wie: „Schlaf einfach besser.”
Seit meiner Jugend musste ich täglich Sport machen und aufs Essen verzichten, um mein Gewicht zu halten. Das war ein permanenter Kampf. Irgendwann gab ich auf. Vor Mounjaro war meine tägliche Hauptaufgabe nicht zu essen. Nicht naschen. Nicht an Schokolade denken. Nicht überlegen wann es das nächste Essen gibt.
Heute denke ich ungefähr alle fünf Minuten an meine Kinder. Das ist ein deutlich schöneres Leben.
Diagnose: selbst schuld?
Selbst die Medizin trägt das Vorurteil in ihrer Sprache weiter.
E66.0: Adipositas durch übermäßige Kalorienzufuhr.
Ich finde diese Diagnosebezeichnung schon per se diskriminierend. Sie reduziert eine komplexe chronische Erkrankung sprachlich auf: Du hast zu viel gegessen.
Natürlich entsteht Gewichtszunahme bei positiver Energiebilanz. Aber warum Hunger, Sättigung, Energieaufnahme und Gewicht bei Menschen so unterschiedlich reguliert werden, ist eben nicht mit „zu viel gegessen“ erklärt. Genetik, Hormone, Darm-Hirn-Achse, Schlaf, Stress und Umwelt spielen eine Rolle.
Liebe Grüße von der Familie
Meine Mutter kommentierte früher eher mein Gewicht: “Hast du schon wieder zugenommen?”
Mich hat das getroffen. Obwohl es in der Familie doch möglich sein muss so etwas zu sagen. Denn wer sonst tut es?
Mein Mann wiederum hielt Mounjaro anfangs für bequem. Mit genügend Konsequenz müsste das doch auch gehen. Ich verstand ihn. Er ist groß und schlank. Auch für ihn sind Diät, Training, Verzicht nicht immer lustig. Der entscheidende Unterschied: Bei ihm funktioniert es schnell! Wenn er zwei Monate trainiert, mittags Salat isst und nicht nascht, nimmt er zehn Kilo ab. Seine Anstrengung wird sichtbar belohnt. Er steigt auf die Waage und bekommt Motivation.
Für mich ist genau dieses Verhalten ungefähr das, was ich früher gebraucht habe, um mein Gewicht überhaupt zu halten. Ich stieg auf die Waage und war frustriert - schon wieder versagt.
Inzwischen hat sich seine Sicht deutlich verändert. Er sieht heute nicht nur die Zahl auf der Waage. Er sieht, dass ich entspannter bin. Glücklicher. Dass Essen nicht mehr mein ständiger Begleiter im Kopf ist.
Zu dick, zu bequem, Jetzt auch noch Spritze - das doppelte Stigma
Im November 2025 habe ich mit Mounjaro begonnen und mittlerweile von 100 auf 82kg abgenommen. Und plötzlich beginnt eine ganz neue Art von Bewertung.
Vorher: Du bist zu dick? Dann fehlt dir offenbar die Disziplin.
Jetzt: Du behandelst deine Adipositas? Dann machst du es dir offenbar zu leicht.
Was genau wäre denn gesellschaftlich akzeptabel? Erfolglos kämpfen?
Adipositas ist keine Charakterschwäche, sondern eine chronische, multifaktorielle Erkrankung. GLP-1-/GIP-Therapien wie Mounjaro greifen in die Regulation von Hunger und Sättigung ein. Mounjaro macht die Arbeit nicht für mich. Es sorgt aber dafür, dass mein Körper mich dabei nicht permanent sabotiert. Mounjaro ermöglicht mir, das umzusetzen, was ich seit Jahrzehnten weiß und immer wieder versucht habe. Abnehmen und fitter werden ist für mich endlich machbar.
Mounjaro gibt mir die Kontrolle zurück.
„Mit der Spritze musst du ja nichts mehr tun.“
DOCH. Ich muss sogar viel tun! Die Vorstellung, man spritzt Mounjaro und muss anschließend nichts mehr tun, stimmt schlichtweg nicht. Ich mache Krafttraining, Yoga und Core-Training. Ich achte auf Eiweiß, Ballaststoffe und Vollkornprodukte. Denn Mounjaro ersetzt weder Bewegung noch eine ausgewogene Ernährung.
Die Spritze nimmt den Heißhunger. Die Kniebeugen muss ich trotzdem selbst machen. Und genau das erkläre ich auch meinen Patient:Innen. Das Medikament hilft mir, Verantwortung für meinen Körper und meine Gesundheit zu übernehmen.
Wo ist meine Speckschwarte?
Mein persönlicher Lieblingsmoment letzte Woche war übrigens nicht auf der Waage. Ich wollte wie immer spritzen, griff automatisch an den Bauch und plötzlich… fand ich meine Speckschwarte nicht mehr.
Ich stand da wie ein Tourist ohne Google Maps und suchte nach einer geeigneten Hautfalte zum Spritzen. Ich war überrascht. Luxusprobleme.
Bodybuilder trifft Kindergarten
Auch unser Kühlschrank hat sich angepasst. Meine Kinder wachsen in einem Haushalt auf, in dem Wurst ohne Brot völlig normal ist. High-Protein-Schokopudding ebenfalls. Und wenn jemand das Eigelb nicht möchte, auch ok. Unser Kühlschrank sieht aus, als würden Bodybuilder und Kindergarten gemeinsam einkaufen.
Wenn Ärzte shamen
Was mich als Ärztin wirklich beschäftigt, sind die Geschichten meiner Patient:Innen.
Vom muskulösen, braun gebrannten Hausarzt, der sagt: „GLP-1 verschreibe ich nicht. Machen Sie einfach mehr Sport und essen Sie weniger.”
Oder das andere Extrem: Rezept ausstellen, fertig. Keine Aufklärung. Keine Ernährungsberatung. Keine Hinweis auf Krafttraining und Eiweißzufuhr.
Noch problematischer wird es, wenn Beschwerden adipöser Menschen vorschnell auf ihr Gewicht reduziert werden. Auch ein adipöser Mensch kann krank sein, ohne dass das Fett schuld ist. Menschen mit Adipositas verdienen dieselbe sorgfältige Diagnostik wie jeder andere.
Weniger Urteil. Mehr Unterstützung.
Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, eine wirksame medizinische Therapie in Anspruch zu nehmen.
Vielleicht sollten wir weniger fragen: „Warum brauchst du eine Spritze?“
Und häufiger: „Wie geht es dir damit?“
Wertschätzung, Unterstützung und Motivation bringen nämlich erstaunlich viel.
Mein Mann trainiert inzwischen übrigens auch. Und isst mit mir Eiweiß und Vollkorn.
Ganz ohne Mounjaro. Der Schummler. 😉

Medizinisch begleitet, 100 % online
Jetzt herausfinden, ob haelsi weight zu dir passt.

Häufig gestellte Fragen
Nein. Adipositas gilt als chronische Erkrankung, bei der Hunger und Sättigung anders reguliert sein können. Eine GLP-1-Therapie kann helfen, diese Regulation zu unterstützen. Ernährung und Bewegung bleiben trotzdem ein wichtiger Teil davon.
